Die Kapitel 10 und 11 schließen die Besprechung des Umgangs mit Gedanken beim kontemplativen Gebet ab, die in Kapitel 8 begonnen hatte. Nachdem der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ oft genug betont hat, dass man selbst solchen Bildern, die an sich gut und geistlichen Inhalt haben, keine Aufmerksamkeit schenken soll, gibt er doch im zehnten Kapitel einen kleinen Einblick in die Dynamik, wie Gedanken entstehen und vor allem wohin sie führen können. So entstehe aus dem Gedanken beispielsweise an einen Menschen, der einem geschadet hat, leidenschaftliche Wut und ein Rachebedürfnis, was zu der Hauptsünde des Zornes führe. Auf ähnliche Weise, zeigt der Autor wie „Gedankenwege“ jeweils zu einer Hauptsünde führen können. Alle traditionell überlieferten Hauptsünden werden in diesem Kapitel genannt.
Man sollte die Darstellung nun nicht so verstehen, dass man sich damit beschäftigen sollte, bei jedem Gedanken zu überlegen, was für eine Art von Gedanke er sei und wohin er führe. Das kann ja sehr interessant sein. Vielmehr will die Darstellung sagen: „Pass auf, dass du nicht den ersten Gedankenregungen wenig Bedeutung zumisst und sie tolerierst – du solltest wissen, wohin sie führen können.“
NB (1) Es ist auffällig, dass die Beschreibug der Trägheit etwas genauer ausfällt. Es wird gesagt, dass sie nicht nur in einer Schlaffheit oder Unlust zu einer körperlichen oder geistigen Tätigkeit liege. Sie kann auch dadurch entstehen, dass man etwas vor dem inneren Augen hat, das einen völlig befriedige. Man wünsche sich dann nichts anderes mehr, als in steter zufriedener Ruhe an dieses Objekt zu denken. Der Trägheit kann man sich also einerseits von der „kein Bock“-Seite so wie auch von der „Faszinationsseite“ nähern. Eventuell liesse sich unter der Beschreibung der „Faszination“ oder dem „Gebanntsein“ durch ein Gedankenobjekt, an dem man Gefallen hat und an dem man hängt, die Warnung heraushören, dass nicht schon ein „frommes“ Denken an die Gottesmutter oder an das Herz Jesu und dergleichen bereits als ein kontempatives Geschehen auszumachen ist. Bilder, Stimmen, Musik oder Gerüche und dergleichen in Ekstase wahrgenommen sind in Verbindung mit dem Wunsch, nichts anderes mehr haben und brauchen zu wollen, Gedankenpfade zur Trägheit und zum „geistlichen Tod“.
NB (2) Die Überschrift bezieht sich auf ein Kinderlied in streng frommen (evangelikalen) Kreisen, in denen eine moralistische Version christlichen Lebens vermittelt wurde. Ich kenne es nur als Zitat (von älteren frommen Menschen, die jetzt fast 60 sind) und habe das Lied selber nie gehört – klar, wer singt so was heute noch. Die Herausforderung besteht im kontemplativen Niemandsland darin, dass das „Wegschauen von allem, was nicht Gott ist“ nicht aus einer moralistisch zwanghaften Abwertung der Dinge des Lebens geschieht.
[Notizen zur "Wolke des Nichtwissens", Kapitel 10 und 11]
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