[urban contemplatives]

Icon

kontemplation ausserhalb von klostermauern, kontemplatives gebet auf freier wildbahn

es geht gar nicht um „gott“

Im neunten Kapitel fährt der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ fort, die Übenden davon zu überzeugen, dass jeder Gedanke, selbst Bilder geistlicher Natur, abzuweisen sind, wenn man sich auf die Kontemplation einlassen will. Ich weiss nicht, wann der anonyme Autor zum ersten Mal die Formulierung „Werk der blinden Liebe“ für die Übung der Kontemplation verwendet. Vielleicht helfen diese Bildworte von einer „blinden Liebe“ oder einer „heimlichen Liebe“ oder die Rede vom „blinden Liebesverlangen“, die mir beim Lesen heute besonders auffielen, auch einmal ausserhalb unserer formalen Meditationszeiten die Dimension der „dunklen Wolke“ zu entdecken. (Ich habe jetzt einmal unterstellt, dass wir „Die Wolke des Nichtwissens“ auf unsere Meditationspraxis beziehen, oder zumindest als Bilder im Kopf so etwas haben wie „sich auf’s Meditationsbänkchen setzen und den Wecker stellen, 2 x 25 Minuten“ o.ä.)

Es gibt in der Mühe des Alltags nämlich genügend Situationen, in denen man sich zu der „heimlichen Liebe“ oder zur dunklen Wolke des Nichtwissens wenden kann. Es sind jene Momente der Anstrengung, in denen man sich fragt: „Warum mache ich das hier eigentlich?“ Oder wo man in einer Warteschlange steht und eigentlich die nächste S-Bahn „unbedingt“ erwischen muss. Wendete man sich dann innerlich zur dunklen Wolke des Nichtwissens, wird auch die Frau an der Kasse eine faire Chance bekommen, von uns nicht angeblafft zu werden. Ja, ich verstehe hier die innerliche Hinwendung zum Nichtiwissen als ein Loslassen unserer fertigen Gedankenkonzepte, z.b. unser Urteil über die Frau an der Kasse und denanderen Menschen vor und hinter mir in der Warteschlange.

Ich gebe zu, dass ich Schwierigkeiten damit habe, immer wieder zu betonen, dass sich von allem abzuwenden, um zu Gott zu schauen. Die Unterscheidung zwischen Gott und „allem anderen“ ist einfach problematisch in der Dimension des Seins. Deshalb halte ich es für hilfreicher, das Nichtwissen hervorzuheben. Es geht, so vermute ich, nämlich gar nicht um Gott. Es geht jedenfalls nicht um den Gott, von dem wir fertige Konzepte im Kopf (und in unserer Tradition etc.) haben, sondern um den Gott, den wir nicht kennen, den wir nicht oder noch nicht wissen.

Deswegen erscheint mir ein kleiner, kurzer Satz in diesem neuten Kapitel als der eigentliche Schatz dieses Abschnitts:

„… deshalb richte deine Liebe auf diese Wolke …“ (Kapitel 9, S. 53f.)

Es hätte ja auch heissen können: „richte deine Liebe auf Gott“. Aber so heisst es nicht. Der Anhaltspunkt gewissermassen, der den Übenden anzeigt, in welche Richtung sie schauen sollen ist nicht markiert mit dem Hinweisschild „Gott“, sondern mit dem Hinweisschild „dunkle Wolke“ oder in anderen Worten „Nichtwissen“. Wir können Gott nämlich gar nicht wissen. Und unser Blick in die dunkle Wolke gibt Gott die Freiheit, der zu sein, der er ist, ohne unsere Konzepte. Es heisst:

„Sei überzeugt davon, dass der Mensch niemals eine völlige Gotteserkenntnis auf Erden erzielen kann: eine Gotteserfahrung jedoch ist durch Gnade, sofern Gott sie gewährt, möglich.“ (Kapitel 9, S. 53)

Allerdings – und das würde mich sehr interessieren, was der anonyme Autor dazu sagen würde – trifft diese Aussage nicht nur auf Gott zu. Eigentlich gilt das für alles andere dieser Welt auch: Wir können kein einziges Ding vollständig erkennen. Wir können nicht mal eine Ameise völlig verstehen, wir können nur erfahren, wie sie auf unserem Bein krabbelt oder ihre Winzigkeit von aussen anschauen. Wir können ihr begegnen, wenn wir auf das Nichtwissen schauen, anstatt unsere fertigen Konzepte von „Ameise“ ins Spiel zu bringen (Ungeziefer!) und sie einfach platt zu drücken

[Notizen zur Wolke des Nichtwissens, Kapiel 9]

Eingetragen unter:drumherum, kontemplativ, wolke des nichtwissens , , , , , , , , , , , , ,

One Response

  1. [...] [2] Ich habe lange keine Notizen zur Lektüre der “Wolke des Nichtwissens” mehr veröffentlicht. Heute schrieb ich aber wieder was: es geht gar nicht um ‘gott’” [...]

Leave a Reply