„Auf Gott schauen – alles andere vergessen“ – so lautet der Rat an die Schüler des kontemplativen Weges. Die Hinwendung zu Gott konfrontiert einen mit der Wolke des Nichtwissens, die zwischen dem Übenden und Gott besteht. Die Bewegung „von allem anderen weg“ soll hingegen eine Wolke des Vergessens schaffen „zwischen dir und allen Kreaturen, die je erschaffen wurden“.
Handelte es sich hier hauptsächlich um einen ausschliesslich asketischen Weg, wäre das eine unmenschliche Überforderung: alles vergessen, auf alles verzichten, sich nicht abgeben mit Menschen und Dingen „die je erschaffen wurden“. Die primitivste, (die älteste?) die einfachste Praxis spirituellen Lebens ist die Askese. Aber wie weit kommt man damit? Und zu welchem Preis?
Wenn im fünften Kapitel der „Wolke des Nichtwissens“ dazu geraten wird, alles andere zu vergessen, so schliesst der anonyme Autor auch alle Geschichten und Bilder und Eigenschaften Gottes ein: auch die soll man nicht beachten und sich nicht mit ihnen aufhalten.
Und so kann dann auch folgerichtig das sechste Kapitel mit der Frage beginnen, was denn dann noch übrig bleibt, wenn man konsequent alles, wirklich alles, mit der Wolke des Vergessens bedeckt.
„Jetzt wirst du mich fragen: ‘Wie soll ich an Ihn [Gott] denken, und was ist Er?’ Darauf kann ich dir nur antworten: ‘Ich weiss es auch nicht.’“ (Kapitel 6, S. 45)
Die Bewegung „weg von allem Geschaffenen“ ist nicht begründet damit, dass es schlecht und schmutzig sei oder dass eine Busse vollzogen werden soll. „Vergessen“ bedeutet nicht mal, dass wir die Dinge dieser Welt nicht gebrauchen oder geniessen sollen, sondern vielleicht eher, dass wir die Konzepte, unsere Vorstellungen von ihnen aufgeben müssen. Man soll nicht meinen, zu wissen, was sie sind und was sie ausmacht. Lässt man konsequent seine Konzepte los, gelangt man zum Nicht-Wissen. Und dies könnte fast ein anderer Name für Gott sein. Versteht man die Antwort des unbekannten Autors nicht als Aussage darüber, dass er auch nicht wisse, wer Gott sei, könnte man auch meinen, dass er damit sagt: Gott ist der Ich-Weiss-Es-Auch-Nicht. Und man kann Gott auch gar nicht wissen. Man kann ihn nur lieben. Das ist die Hauptaussage des sechsten Kapitels.
„Denn Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden.“ (Kapitel 6, S. 45)
Für mich stellt sich das also so dar: Über ein konsequentes „Vergessen“, d.h. durch ein konsequentes Loslassen unserer Konzepte von allem, gelangt man an den Rand des Nichtwissens. Dort angekommen kapieren wir, dass wir mit „wissen“ nicht mehr weiter kommen und müssen deswegen auf ein anderes Fortbewegungsmittel umsteigen, nämlich auf das „lieben“ – ein Floss, das uns durch den Nebel des Nichtwissens zu dem Ich-Weiss-Es-Auch-Nicht bringt, der „wohl geliebt, aber nicht gedacht werden“ kann.
[Notizen zu "Die Wolke des Nichtwissens", Kapitel 5 und 6]
Eingetragen unter:kontemplativ, wolke des nichtwissens , Askese, Gott, lieben, loslassen, Spiritualität, spirituelle Praxis, vergessen, wissen
[...] Nachtrag: Das Projekt, die Wolke des Nichtwissens erneut zu lesen, ist nicht aufgegeben. Der letzte Eintrag passt ganz gut zum Stichwort “verlernen”: vergessen und nicht-wissen [...]