[Notizen zu "Die Wolke des Nichtwissens", Prolog]
Die „Wolke des Nichtwissens“ („The Cloud of Unknowing“) beginnt mit einem Gebet und einem Prolog. Man könnte am Ende der Lektüre einmal schauen, wieweit das Gebet die Darlegungen des gesamten Buches zusammenfasst. Für’s erste sehen wir, wie der unbekannte Autor von Gott die Gabe erbittet, ihn (Gott) vollkommen lieben und würdig preisen zu können. Dies ist seine Gebetsintention. Ist das auch die Zielrichtung seiner Darlegungen zur Kontemplation? Gott zu lieben und immer mehr in die Haltung des Preisens zu kommen? – Ja, was ist die Intention, wenn man die „Wolke des Nichtwissens“ aufschlägt? Soll das ein weiterer Versuch sein, spirituell „weiter zu kommen“? Oder (neue? intensivere?) aussergewöhnliche Transzendenzerfahrungen machen zu können?
Da der anonyme Autor solche Gesinnung fürchtet, richtet er sich im Prolog persönlich an den Leser, und bittet ihn, das Buch und seinen Inhalt zu schützen. Nicht jeder soll das Buch zu Gesicht bekommen. Aber für wen ist es geschrieben? Es ist für einen „wer immer du bist“, der oder die
- 1. entschlossen ist, „ein vollkommener Jünger Christi zu sein, nicht nur in der aktiven Lebensform, sondern auf der höchsten Stufe des kontemplativen Lebens“, und
- 2. sich bereits in einem „tugendhaften, aktiven Leben“ auf das kontemplative Leben vorbereitet hat.
Weiter unten wird auch – und das finde ich sehr spannend – als „Wunsch-Leser“, als „Wunsch-Leserin“ charakterisiert jemand, der im äusseren Leben aktiv und gleichzeitig eine Bereitschaft verspürt am „kontemplativen Geschehen teilzuhaben“ – und jetzt kommt’s – „zwar nicht auf die Dauer, wie es den eigentlichen Kontemplativen zukommt, sondern lediglich dann und wann.“
Also: „Die Wolke des Nichtwissens“ richtet sich nicht an Männer und Frauen in einer monastischen Lebensform in einem kontemplativen Orden (das wären dann wohl, so meine Vermutung, die „eigentlichen Kontemplativen“), sondern an Laienchristen als „uneigentliche Kontemplative“. Die „Wolke des Nichtwissens“ gehört denen, die in einem gewöhnlichen Alltagsleben stehen und doch „dann und wann“ eine kontemplative Innigkeit mit Gott erfahren.
Und das ist vielleicht ein Anknüpfungspunkt für eine Begründung, warum hier über diese anonyme Schrift aus dem 14. Jahrhundert gebloggt wird. Als ich den Prolog wieder las, dachte zuerst, dass es doch keine gute Idee ist: Nirgends wird so viel geplappert und geplaudert wie im Netz. Aber hoffen wir, dass die Notizen hier einigen Nutzen bringen. Und sei es, dass Menschen „Die Wolke des Nichtwissens“ nicht immer nur erwähnen, sondern auch wirklich lesen und verstehen versuchen, was der anonyme Lehrer sagen will.
Im nächsten Eintrag geht es um die ersten beiden Kapitel.
Eingetragen unter:kontemplativ, wolke des nichtwissens , Gebet, Gott, Kontemplation, kontemplatives Gebet, Laien, lieben, Mönchtum
[...] Januar 11, 2009 · Keine Kommentare nur eine kurze notiz hier, dass auf dem anderen blog ein erster eintrag zur “wolke des nichtwissens” veröffentlich wurde, titel: “uneigentliche kontemplative” [...]
Bin etwas unentschlossen, ob ich die Wolke weiterlesen soll. Mich ziehts grade zum ‘Kurs in Wundern’…
na – dann los! (den kurs in wundern kenn ich nicht, aber warum nicht?)
aha -. die wolke scheint mir was für möchtegern-kontemplations-… (guerilleras) zu sein, oder täuscht das? vielleicht kann der beisasse zusammenfassen, was die lektüre der leserin bringt, was kann sie danach besser als vorher, oder was verstehet sie besser.
Mir scheinen da einige Missverständnisse wiedergegeben zu sein. Was hier der Autor über den „uneigentlichen“ Kontemplativen aussagt, bezieht sich darauf, dass dies die minimale Anforderung für den Leser ist.
Der Autor möchte und bittet eindringlich darum, dass das Buch nur demjenigen zu Lesen oder Vorzulesen ist, der sich „mit lauterem Willen und in ungeteilter Hingabe“ entschlossen hat, ein vollkommener Jünger zu sein, nicht nur in der aktiven Lebensform, sondern auf der höchsten Stufe des kontemplativen Lebens.
Dabei wendet er sich ja deshalb nicht an Leser in kontemplativen Orden, weil diese ja eine Führung bereits kennen und daher unterscheidet er nicht zwischen Orden und Nicht-Orden. Ihm ist nur wichtig, ernsthaftes Bemühen und tugendhaftes Leben als Voraussetzungen.
ich weiss nicht, was man nach der lektüre der „wolke des nichtwissens“ besser kann, inge. kommt drauf an. es könnte z.b. dazu beitragen, die erfahrungen, die man im „kontemplativen gebet“ o.ä. macht, im kontext des eigenen traditionshintergrundes zur sprache bringen zu können.
es ist allerdings besonders, dass der cloud-autor sich an laienchristen wendet oder sie – wenn man nicht zu weit gehen möchte – wenigstens im blick hat, denn für seine zeit schien die erfahrung der kontemplation selbst unter ordenschristen nur ganz besonders erwählten vorbehalten zu sein. später wird auch noch johannes vom kreuz darüber klagen, dass viele geistliche begleiter gar keine ahnung von der „dunklen nacht“ der kontemplation haben und deshalb viel schaden anrichten bei denen, die ihnen anbefohlen sind. also: auch im klösterlichen kontext ist das sprechen über und die erfahrung von kontemplation nicht gerade an der tagesordnung. deshalb ist die erwähnung der „uneigentlichen kontemplativen“ auffällig – meiner meinung nach.
aber man wird im verlauf des textes noch weitere hinweise finden, wen der cloud-autor bei der niederschrift im sinn hatte.