Wenn man auch ab und zu sein formales Sitzen-Üben versäumt, so gibt es doch auch hier und da Möglichkeiten – man muss erfinderisch sein – um zur Praxis der Aufmerksamkeit für das, was ist, zu kommen.
Ich habe in den letzten zwei Wochen öfter mal alleine essen müssen. Wenn man allein lebt, kann es ja leicht passieren, dass man anfängt Essen für einen lästigen Vorgang zu halten. Ja, die Arbeit mag einen ablenken und gedanklich stark gefangen nehmen, aber kommt es zum Essen bemerkt der Wohnzimmer-Eremit die Leere und Langeweile. Besässe er einen Fernseher, würde er ihn zum Essen einschalten wollen.
Ein Vorschlag (für’s alleine Essen):
- Das Essen so beginnen wie man sein Sitzen-Üben beginnt (einige gehen ihren Körper durch, manche berühren mit ihrer Stirn den Boden etc.) und dann für einige wirklich wenige aber intensive Atemzüge am Esstisch sitzen (was immer ihr beim Sitzen-Üben macht: euer Gebetswort sagen, den Namen Jesu beten, dem Atem folgen etc.).
- Und dann Essen. Genauer: beim Kauen bleiben. Die Funktion, die der Atem bei eurem Sitzen-Üben hat, übernimmt hier die Kaubewegung. Als Konzentrationshilfe kann man zählen: zehnmal kauen, neunmal kauen, achtmal kauen, siebenmal kauen etc. bis ihr schluckt. Beim nächsten Mundvoll geht es wieder los: bis 10 zählen, dann bis 9 zählen, dann bis 8, bis 7 etc.
- Das Essen so beenden wie ihr euer Sitzen-Üben beendet.
Für mich war das wirklich wichtig, auf diese Weise essen zu üben. Zuerst war es eine Massnahme, um dem Essen wieder seinen eigenen Wert zu geben, inzwischen kann ich es mir anders gar nicht mehr vorstellen.
Vielleicht helfen auch die „Fünf Betrachtungen vor dem Essen“ (in der Tradition von Thich Nhat Hanh):
- Diese Nahrung ist ein Geschenk des ganzen Universums und das Ergebnis von viel Liebe und Mühe.
- Mögen wir dieses Geschenk in Achtsamkeit und Dankbarkeit empfangen.
- Mögen wir uns unserer unheilsamen Geisteszustände (wie zum Beispiel Gier, Ablehnung, Ärger, Angst…) bewusst sein und uns bemühen, sie zu transformieren.
- Mögen wir nur solche Nahrung zu uns nehmen, die uns nährt und unserer Gesundheit förderlich ist.
- Wir nehmen diese Nahrung an, so dass wir den Pfad des Verstehens und der Liebe verwirklichen können.
Obwohl sie gedacht sind als Rezitation vor dem Essen, könnte doch auch nach jeder Betrachtung ein Mundvoll gekaut und gegessen werden, um so sein Essen rituell zu beginnen.
Eingetragen unter:drumherum , Achtsamkeit, Essen
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