[urban contemplatives]

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kontemplation ausserhalb von klostermauern, kontemplatives gebet auf freier wildbahn

zum bloggen gehört auch das nicht-bloggen

Sorry! Nach dem Sommer gab es bereits einige Treffen und ich hab’s einfach nicht geschafft, die Termine hier zu vermerken und auch der Kommentar zur „Wolke des Nichtwissens“ wurde vernachlässigt. Egal.

Inzwischen sind weitere Freunde mit beim Sitzen gewesen. Das war schön. Wichtig ist mir immer dabei, dass dies hier nicht zu einer Gruppe wird, sondern dass Freunde und Bekannte sich einfach zum Meditieren verabreden. Bei „Gruppe“ hat man ja doch leicht so ein Gefühl von Verpflichtung. Klar gehört Disziplin zu einem spirituellen Weg, aber in diesem Fall: Nö!

(Vielleicht ist es so: Disziplin braucht man, um „durchzuhalten“ und etwas zu tun, auch wenn man keine Lust hat. Da wir aber alle gerade einfach Lust darauf haben, uns zum Meditieren zu verabreden, brauchen wir im Moment kein Pflichtgefühl. Kann zu anderen Zeiten aber auch wieder anders sein.)

Das nächste Treffen ist am 27. September um 17.45 im Ansverus-Haus. Da ist eine Lücke von einem Monat, weil einige von uns unterwegs sind. Allerdings hat sich in den Sommermonaten oft auch mal spontan ein Treffen ergeben. Mal schauen.

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pass auf, kleines auge, was du siehst

Die Kapitel 10 und 11 schließen die Besprechung des Umgangs mit Gedanken beim kontemplativen Gebet ab, die in Kapitel 8 begonnen hatte. Nachdem der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ oft genug betont hat, dass man selbst solchen Bildern, die an sich gut und geistlichen Inhalt haben, keine Aufmerksamkeit schenken soll, gibt er doch im zehnten Kapitel einen kleinen Einblick in die Dynamik, wie Gedanken entstehen und vor allem wohin sie führen können. So entstehe aus dem Gedanken beispielsweise an einen Menschen, der einem geschadet hat, leidenschaftliche Wut und ein Rachebedürfnis, was zu der Hauptsünde des Zornes führe. Auf ähnliche Weise, zeigt der Autor wie „Gedankenwege“ jeweils zu einer Hauptsünde führen können. Alle traditionell überlieferten Hauptsünden werden in diesem Kapitel genannt.

Man sollte die Darstellung nun nicht so verstehen, dass man sich damit beschäftigen sollte, bei jedem Gedanken zu überlegen, was für eine Art von Gedanke er sei und wohin er führe. Das kann ja sehr interessant sein. Vielmehr will die Darstellung sagen: „Pass auf, dass du nicht den ersten Gedankenregungen wenig Bedeutung zumisst und sie tolerierst – du solltest wissen, wohin sie führen können.“

NB (1) Es ist auffällig, dass die Beschreibug der Trägheit etwas genauer ausfällt. Es wird gesagt, dass sie nicht nur in einer Schlaffheit oder Unlust zu einer körperlichen oder geistigen Tätigkeit liege. Sie kann auch dadurch entstehen, dass man etwas vor dem inneren Augen hat, das einen völlig befriedige. Man wünsche sich dann nichts anderes mehr, als in steter zufriedener Ruhe an dieses Objekt zu denken. Der Trägheit kann man sich also einerseits von der „kein Bock“-Seite so wie auch von der „Faszinationsseite“ nähern. Eventuell liesse sich unter der Beschreibung der „Faszination“ oder dem „Gebanntsein“ durch ein Gedankenobjekt, an dem man Gefallen hat und an dem man hängt, die Warnung heraushören, dass nicht schon ein „frommes“ Denken an die Gottesmutter oder an das Herz Jesu und dergleichen bereits als ein kontempatives Geschehen auszumachen ist. Bilder, Stimmen, Musik oder Gerüche und dergleichen in Ekstase wahrgenommen sind in Verbindung mit dem Wunsch, nichts anderes mehr haben und brauchen zu wollen, Gedankenpfade zur Trägheit und zum „geistlichen Tod“.

NB (2) Die Überschrift bezieht sich auf ein Kinderlied in streng frommen (evangelikalen) Kreisen, in denen eine moralistische Version christlichen Lebens vermittelt wurde. Ich kenne es nur als Zitat (von älteren frommen Menschen, die jetzt fast 60 sind) und habe das Lied selber nie gehört – klar, wer singt so was heute noch. Die Herausforderung besteht im kontemplativen Niemandsland darin, dass das „Wegschauen von allem, was nicht Gott ist“ nicht aus einer moralistisch zwanghaften Abwertung der Dinge des Lebens geschieht.

[Notizen zur "Wolke des Nichtwissens", Kapitel 10 und 11]

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es geht gar nicht um „gott“

Im neunten Kapitel fährt der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ fort, die Übenden davon zu überzeugen, dass jeder Gedanke, selbst Bilder geistlicher Natur, abzuweisen sind, wenn man sich auf die Kontemplation einlassen will. Ich weiss nicht, wann der anonyme Autor zum ersten Mal die Formulierung „Werk der blinden Liebe“ für die Übung der Kontemplation verwendet. Vielleicht helfen diese Bildworte von einer „blinden Liebe“ oder einer „heimlichen Liebe“ oder die Rede vom „blinden Liebesverlangen“, die mir beim Lesen heute besonders auffielen, auch einmal ausserhalb unserer formalen Meditationszeiten die Dimension der „dunklen Wolke“ zu entdecken. (Ich habe jetzt einmal unterstellt, dass wir „Die Wolke des Nichtwissens“ auf unsere Meditationspraxis beziehen, oder zumindest als Bilder im Kopf so etwas haben wie „sich auf’s Meditationsbänkchen setzen und den Wecker stellen, 2 x 25 Minuten“ o.ä.)

Es gibt in der Mühe des Alltags nämlich genügend Situationen, in denen man sich zu der „heimlichen Liebe“ oder zur dunklen Wolke des Nichtwissens wenden kann. Es sind jene Momente der Anstrengung, in denen man sich fragt: „Warum mache ich das hier eigentlich?“ Oder wo man in einer Warteschlange steht und eigentlich die nächste S-Bahn „unbedingt“ erwischen muss. Wendete man sich dann innerlich zur dunklen Wolke des Nichtwissens, wird auch die Frau an der Kasse eine faire Chance bekommen, von uns nicht angeblafft zu werden. Ja, ich verstehe hier die innerliche Hinwendung zum Nichtiwissen als ein Loslassen unserer fertigen Gedankenkonzepte, z.b. unser Urteil über die Frau an der Kasse und denanderen Menschen vor und hinter mir in der Warteschlange.

Ich gebe zu, dass ich Schwierigkeiten damit habe, immer wieder zu betonen, dass sich von allem abzuwenden, um zu Gott zu schauen. Die Unterscheidung zwischen Gott und „allem anderen“ ist einfach problematisch in der Dimension des Seins. Deshalb halte ich es für hilfreicher, das Nichtwissen hervorzuheben. Es geht, so vermute ich, nämlich gar nicht um Gott. Es geht jedenfalls nicht um den Gott, von dem wir fertige Konzepte im Kopf (und in unserer Tradition etc.) haben, sondern um den Gott, den wir nicht kennen, den wir nicht oder noch nicht wissen.

Deswegen erscheint mir ein kleiner, kurzer Satz in diesem neuten Kapitel als der eigentliche Schatz dieses Abschnitts:

„… deshalb richte deine Liebe auf diese Wolke …“ (Kapitel 9, S. 53f.)

Es hätte ja auch heissen können: „richte deine Liebe auf Gott“. Aber so heisst es nicht. Der Anhaltspunkt gewissermassen, der den Übenden anzeigt, in welche Richtung sie schauen sollen ist nicht markiert mit dem Hinweisschild „Gott“, sondern mit dem Hinweisschild „dunkle Wolke“ oder in anderen Worten „Nichtwissen“. Wir können Gott nämlich gar nicht wissen. Und unser Blick in die dunkle Wolke gibt Gott die Freiheit, der zu sein, der er ist, ohne unsere Konzepte. Es heisst:

„Sei überzeugt davon, dass der Mensch niemals eine völlige Gotteserkenntnis auf Erden erzielen kann: eine Gotteserfahrung jedoch ist durch Gnade, sofern Gott sie gewährt, möglich.“ (Kapitel 9, S. 53)

Allerdings – und das würde mich sehr interessieren, was der anonyme Autor dazu sagen würde – trifft diese Aussage nicht nur auf Gott zu. Eigentlich gilt das für alles andere dieser Welt auch: Wir können kein einziges Ding vollständig erkennen. Wir können nicht mal eine Ameise völlig verstehen, wir können nur erfahren, wie sie auf unserem Bein krabbelt oder ihre Winzigkeit von aussen anschauen. Wir können ihr begegnen, wenn wir auf das Nichtwissen schauen, anstatt unsere fertigen Konzepte von „Ameise“ ins Spiel zu bringen (Ungeziefer!) und sie einfach platt zu drücken

[Notizen zur Wolke des Nichtwissens, Kapiel 9]

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[sieben tage ohne sinn]

Pardon: Es gab hier eine kleine Pause in der Reihe „Notizen zur ‘Wolke des Nichtwissens“. Diese Pause dauert noch an, denn ich nehme an, ihr habt in der Karwoche und in der Vorbereitung auf Auferstehung noch einiges zu erledigen. Schaut doch in meinen regulären Blog. Da gibt es einen kurzen Eintrag mit dem Titel „sieben tage ohne sinn“.

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einseitigkeiten in spiritueller praxis

Es gibt immer wieder einen Zweifel in mir in Bezug auf Tendenzen spiritueller Praxis, die zu konsequenten Entscheidungen aufzufordern scheinen. Dazu gehören alle asketischen Verzichtübungen (auf Speisen bezogen, auf Sexualität bezogen etc.), aber es gibt auch im Bereich der Methode „kontemplativen Gebets“ oder der Meditation so etwas.

Der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ zum Beispiel erklärt das zur Grundübung: „zu Gott hin schauen mit Liebe – alles andere vergessen“. Im achten Kapitel wird dann die Frage diskutiert, aus welchem Grund auch solche Gedanken vergessen und weggeschoben werden sollen, die „fromme“ und geistliche Bilder zum Gegenstand haben.

Das durchschlagende Argument ist für mich, dass so „gut“ die Gedanken und Bilder auch sein mögen, sie in der Gemengenlage unserer Gefühle und geistigen Gebilde nie eindeutig sind, und man sie deswegen einfach nie beachten sollte. Dabei erwähnt der anonyme Autor dieses Argument eher am Rande.

Für ihn scheint eine Darstellung von verschiedenen Stufen geistlichen Lebens wichtiger zu sein. (Es müsste noch diskutiert werden, wie die Darlegung hier mit dem im ersten Kapitel vorgestellten Modell zusammenhängt.) Hier sagt er, dass es nach kichlicher Lehre zwei Arten des geistlichen Lebens gäbe, die aktive und die kontemplative Form. Beide Formen hätten zwei Stufen, eine niedrigere und eine höhere, wobei die höhere Stufe des aktiven Lebens und die niedrigere des kontemplativen Lebens eine Schnittmenge bilden. (Letztlich kommt man also auf drei Stufen.) Der anonyme Lehrer sagt nun, dass es für den Übergang in die nächste Stufe immer nötig sei, die vorangegangene Stufe zu „überwinden“ und „hinter sich zu lassen“. Das ist für ihn der Grund weswegen man diskursiv-reflexive Gedanken unterlassen soll – diese gehören nach seiner Auskunft nämlich zur Stufe der Schnittmenge zwischen aktiven und kontemplativen Leben.

Hier hätten wir also wieder den von mir angezweifelten „typischen“ Aufruf, konsequente Entscheidungen zu treffen. Dabei blitzt einmal ein sehr bemerkenswerter Gedanke von gegenseitiger Ergänzung und Notwendigkeit von aktiver und kontemplativer Lebensform in einem Satz auf:

„Diese zwei Lebensarten [der aktiven und der kontemplativen Form] sind nun miteinander so verbunden, dass keine ohne teilweise Berührung der anderen völlig erreicht werden kann.“ (Kapitel 8, S. 50)

Könnte man sich denn nicht ein ganz anderes Modell vorstellen, in welchem das aktive und das kontemplative Leben parallel gesetzt wird – so dass eine „Meisterschaft“ in der einen Lebensweise nur durch eine gleichzeitige „Meisterschaft“ in der anderen Disziplin erreicht werden kann? – Hier ist ein notwendiger Dialog zwischen unserem „psychologischen“ Wissen, aus dem 20. Jahrhundert kommend, mit der alten Tradition spiritueller Lehre erforderlich!

[Notizen zur Wolke des Nichtwissens, Kapiel 8]

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nacktes verlangen als methode

Gestern hörte ich ein Referat zur (theologisch-) systematischen Einordnung von Kontemplation, die – wohl einer mündlichen Unterweisung von Franz Jalics folgend – als „Niemandsland“ bezeichnet wurde. Ein Niemandsland zwischen dem Bereich, in welchem der Mensch sein Eigenes tun kann, um sich zum Göttlichen zu wenden, und dem anderen Bereich, der vollkommen unabhängig ist von dem, was Menschen tun können.

Immer mehr verstehe ich, wie wenig zutreffend es ist, von „kontemplativen Gebet“ zu sprechen, denn Kontemplation ist eben ein „Niemandsland“, in welchem überhaupt nichts greift, was der Mensch von sich aus tun kann. Und so muss alle Methode bloss eine Vorübung sein, um sich diesem Niemandsland anzunähern. Aber niemals erreicht man es durch die Übung. Dass man dort da ankommt, geschieht von woanders her.

Trotzdem kann man eine Übung schildern und dazu anleiten. Dies geschieht z.B. im siebten Kapitel der Wolke des Nichtwissens. Dort wird wiederholt, worin die Übung besteht (im dritten Kapitel wurde dies schon gesagt): „… erhebe dein Herz zu Gott mit einer demütigen Regung der Liebe. Habe nur Gott im Sinn … und lasse keine anderen Gedanken über Gott bei dir ein … denn es genügt vollauf ein nacktes Verlangen nach Gott ohnen einen anderen Grund als Ihn selbst.“ (Kapitel 7, S. 47)

Dabei wird durch Beispiele deutlich, dass bei dieser „Erhebung des Herzens zu Gott“ auch alle Bilder und Geschichten über Gott bloss Ablenkungen sind, die man von sich weisen soll. Man soll sich nicht mit „Geschwätz“ über Gottes Eigenschaften, d.h. seine Güte und seine Heilstaten oder auch nicht mit dem Gedenken an das Leiden Christi aufhalten. Ein nacktes Verlangen nach Gott reiche ja vollauf. Aber wie kann man bei diesem „nackten Verlangen“ dran bleiben?

Als „Trick“, wenn man das Bedürfnis hat, dieses nackte Verlangen in ein Wort kleiden zu wollen, könne man ein kurzes Wort zu Hilfe nehmen. Es soll am besten aus einer Silbe bestehen wie z.B. „Gott“ (God) oder „Liebe“ („love“). Dieses Wort soll für den Übenden „Schild und Speer“ sein, womit seine Doppelfunktion angesprochen ist.

Als Schild, als Schutz dient das Wort dazu, Gedankenbilder, die aufsteigen, abzuweisen. Das kurze Gebetswort dient hier als Wächter, als eine Art Türsteher, der die Leute alle nach Hause schicken muss und seien die Gedanken und Bilder noch so schön oder trostspendend oder fromm und theologisch gelehrt. Er verwickelt sich nicht in Diskussionen, sondern ist da sehr einsilbig.

Als Speer dient das Gebetswort dazu, in die Richtung des Verlangens zu stossen: zu Gott hin. Das Wort ist in dieser Funktion wie ein Liebender, der nur ein einziges Wort kennt, um die geliebte Person zu nennen. Dieses Wort, dieser Name kann alles ausdrücken: Verlangen und Erfüllung, Ekstase und Verlassenheit, heftige Leidenschaft oder schweigendes Zusammensein der Liebenden.

[Notizen zur "Wolke des Nichtwissens", Kapitel 7]

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vergessen und nicht-wissen

„Auf Gott schauen – alles andere vergessen“ – so lautet der Rat an die Schüler des kontemplativen Weges. Die Hinwendung zu Gott konfrontiert einen mit der Wolke des Nichtwissens, die zwischen dem Übenden und Gott besteht. Die Bewegung „von allem anderen weg“ soll hingegen eine Wolke des Vergessens schaffen „zwischen dir und allen Kreaturen, die je erschaffen wurden“.

Handelte es sich hier hauptsächlich um einen ausschliesslich asketischen Weg, wäre das eine unmenschliche Überforderung: alles vergessen, auf alles verzichten, sich nicht abgeben mit Menschen und Dingen „die je erschaffen wurden“. Die primitivste, (die älteste?) die einfachste Praxis spirituellen Lebens ist die Askese. Aber wie weit kommt man damit? Und zu welchem Preis?

Wenn im fünften Kapitel der „Wolke des Nichtwissens“ dazu geraten wird, alles andere zu vergessen, so schliesst der anonyme Autor auch alle Geschichten und Bilder und Eigenschaften Gottes ein: auch die soll man nicht beachten und sich nicht mit ihnen aufhalten.

Und so kann dann auch folgerichtig das sechste Kapitel mit der Frage beginnen, was denn dann noch übrig bleibt, wenn man konsequent alles, wirklich alles, mit der Wolke des Vergessens bedeckt.

„Jetzt wirst du mich fragen: ‘Wie soll ich an Ihn [Gott] denken, und was ist Er?’ Darauf kann ich dir nur antworten: ‘Ich weiss es auch nicht.’“ (Kapitel 6, S. 45)

Die Bewegung „weg von allem Geschaffenen“ ist nicht begründet damit, dass es schlecht und schmutzig sei oder dass eine Busse vollzogen werden soll. „Vergessen“ bedeutet nicht mal, dass wir die Dinge dieser Welt nicht gebrauchen oder geniessen sollen, sondern vielleicht eher, dass wir die Konzepte, unsere Vorstellungen von ihnen aufgeben müssen. Man soll nicht meinen, zu wissen, was sie sind und was sie ausmacht. Lässt man konsequent seine Konzepte los, gelangt man zum Nicht-Wissen. Und dies könnte fast ein anderer Name für Gott sein. Versteht man die Antwort des unbekannten Autors nicht als Aussage darüber, dass er auch nicht wisse, wer Gott sei, könnte man auch meinen, dass er damit sagt: Gott ist der Ich-Weiss-Es-Auch-Nicht. Und man kann Gott auch gar nicht wissen. Man kann ihn nur lieben. Das ist die Hauptaussage des sechsten Kapitels.

„Denn Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden.“ (Kapitel 6, S. 45)

Für mich stellt sich das also so dar: Über ein konsequentes „Vergessen“, d.h. durch ein konsequentes Loslassen unserer Konzepte von allem, gelangt man an den Rand des Nichtwissens. Dort angekommen kapieren wir, dass wir mit „wissen“ nicht mehr weiter kommen und müssen deswegen auf ein anderes Fortbewegungsmittel umsteigen, nämlich auf das „lieben“ – ein Floss, das uns durch den Nebel des Nichtwissens zu dem Ich-Weiss-Es-Auch-Nicht bringt, der „wohl geliebt, aber nicht gedacht werden“ kann.

[Notizen zu "Die Wolke des Nichtwissens", Kapitel 5 und 6]

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den augenblick in acht nehmen

[Notizen zu "Die Wolke des Nichtwissens", Kapitel 4]

Das vierte Kapitel der „Wolke des Nichtwissens“ ist ziemlich lang. Ich möchte trotzdem versuchen, das ganze Kapitel in den Blick zu nehmen. Zwei Stichworte gilt es zu nennen: Zeit und Liebe.

Beachtenswert finde ich die Wiederholung, dass die Übung („auf Gott schauen“) so kurz ist wie die kleinste Einheit der Zeit. Sie kann durch eine Regung im kleinsten Augenblick vollbracht werden. Allerdings kann dies nicht durch die Anstrengung des Verstandes oder der Vorstellungskraft gelingen. Nur Liebe kann das tun.

Der unbekannte Autor erläutert, dass alle vernunftbegabten Geschöpfe zwei Hauptwirkkräfte hätten, einmal die (1)  Erkenntniskraft und dann die (2) liebende Kraft. Für das Erkenntnisvermögen sei Gott überhaupt nicht fasslich. Das Vermögen, mit dem Gott aber jedem (!) Menschen „völlig fasslich“ werden kann, ist die liebende Kraft. Man kann es so sagen: Jeder Mensch kann Gott „erkennen“ oder „sehen“, und zwar durch Liebe.

„Denn, richtig verstanden, ist es [die Übung] bloss eine plötzliche Regung, die gleichsam unversehens schnell zu Gott überspringt, wie ein Funke aus der Kohlenglut schiesst.“

Dies ist der grundlegende Punkt des vierten Kapitels.

Was mir sonst noch aufgefallen ist:

(a) Der anonyme Autor ist der Meinung, dass nur Gott das Verlangen „aller Menschen und aller Engel, die es je geben mag, zu stillen“ vermöge. Woher weiss er das? Und woher will er wissen, dass das einmal gelingt: dass unser Verlangen zur Ruhe kommt?

(b) Das Werk, die Übung („auf Gott schauen“) versteht der Autor letztlich als Tätigkeit des Menschen in seinem Urzustand. Bevor der Mensch sich für den Baum der Erkenntnis interessierte, tat er nur das: auf Gott schauen. Und dies sei auch das Werk, für das er geschaffen wurde und alles andere wurde auch geschaffen, um dem Menschen dabei zu helfen und. In dem Masse, in welchem man sich dieser Übung anvertraut, wird auch wieder dieser Urzustand hergestellt. – Wofür sind wir hier auf der Erde?

(c) Das Thema der Zeit hat in diesem Kapitel – und das liess ich unerwähnt – eigentlich auch noch den Geschmack von Erschrecken darüber, wie kostbar sie ist und wieviel Reue das auslöst: Wieviel Zeit man schon verschwendet hat in seinem Leben! Es ist dann ein Trost, wenn der Autor diesem erschreckten Bedauern entgegensetzt, dass „in der Liebe Jesu“ alle Hilfe zu finden sei. „Die Liebe ist eine Kraft, die alle Dinge miteinander vereint. Liebe daher Jesus, und alles was Er hat, wird dein sein. (…) kraft dieses Bandes wirst du mit Ihm verbunden sein und mit all denen, die durch die Liebe ebenso mit Ihm verknüpft sind.“ So findet hier das Thema der Liebe auch noch den Aspekt der Gemeinschaft und des Verbundenseins mit allen Dingen – durch Liebe. (Letztes Mal fragte ich: Ist das nicht fragwürdig „nur auf Gott schauen und alles andere vergessen“? Und hier wird gesagt: Wenn du [Gott] liebst, bist du mit allem verbunden.)

(d) Übrigens kann man einige weitere Vermutungen über einen konkreten Adressaten anstellen: Es gibt eine Passage, aus der deutlich wird, dass er ein vierundzwanzigjähriger Mensch ist, der Skrupel darüber emfpindet, dass er bis jetzt nicht viel Acht auf sein Leben gegeben hat und dies dem Autoren der „Wolke des Nichtwissens“ geschrieben hat und ihn um Rat bittet.

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licht aus!

[Notizen zu "Die Wolke des Nichtwissens, Kapitel 3]

„Er verlangt keine Hilfe, nur dich selbst.“ – so hiess es im zweiten Kapitel. Aber wie geht das? Im dritten Kapitel der „Wolke des Nichtwissens“ wird gesagt: Schau mit Liebe nur in die Richtung Gottes und vergiss alles andere. Nichts weiter.

Und das soll die einzige Übung für Kontemplative sein? Bedenkt man, wieviel man einsetzt, um mal einen ganz bestimmten Lehrer zu erleben oder einen ganz besonderen Ort aufzusuchen, um auf seinem spirituellen Weg „weiterzukommen“, und bedenkt man, wieviele verschiedene Methoden und Übungswege man schon durchprobiert hat, die einen bislang nie befriedigt haben, ist dieser Ratschlag – auf Gott schauen, alles andere vergessen – richtig langweilig.

Und gerade von diesem „Werk“ sagt der unbekannte Autor, dass es Gott am meisten gefalle, dass alle Engel und Heiligen sich daran freuten und es förderten. Ja, allen Menschen werde durch dieses Werk geholfen, und gar den Verstorbenen verschaffe es Linderung im Läuterungsfeuer. Man selbst werde durch dieses Werk gereinigt und geläutert wie durch kein anderes.

Und nun sagt der anonyme Autor selbst: „Dabei ist es von allen das leichteste und am schnellsten zu vollbringende Werk, wenn durch Gnade in der Seele ein spürbares Verlangen entsteht; ohne Gnade freilich ist es für dich zu hart und zu schwer.“

Es ist eine leichte Übung – und deshalb eignet es sich nicht als Trophäe für unsere stolze Sammlung an spirituellen Übungen und Methoden. Es ist eine schnell zu vollbringende Übung – und deshalb können wir da auch nicht mit Mühen und Zeiten aufwarten („Ich meditiere schon seit 20 Jahren.“, „Die Schweige-Retraite dauerte ganze zehn Tage.“ etc.). Allerdings ist der Grund für die „Leichtigkeit“ dieses Werkes ein „spürbares Verlangen“, das dem Schüler geschenkt wird. Die Ermunterung ist: Solange du das Verlangen nicht spürst, wird es mühsam sein, aber bleib trotzdem dran, bis sich die Mühe in ein spürbares Verlangen verwandelt.

„Zu Gott hin schauen, alles andere vergessen.“ – Ich habe da auch meine Bedenken. Denn man macht dadurch eine Unterscheidung. Als ob es irgendetwas gäbe, was nicht Gott ist! Oder zumindest aus Gott oder in Gott. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Blickrichtung auf Gott hin kein schon sicherer Blick ist. Man sollte niemals davon überzeugt sein, dass man wisse, wer Gott ist und wie Gott ist und wie Gott handelt. Deshalb wird auch formuliert: „meine Gott selbst und keine Seiner Eigenschaften“. Fragt sich, was da noch übrig bleibt, wenn man sich bemüht auf Gott selbst zu schauen und nicht darauf wie er ist („seine Eigenschaften“), was für Geschichten es von ihm gibt, wie ich bislang gemeint habe, ihn zu erfahren usw. usf. Und so fällt dann auch zum ersten Mal das Bildwort von der „Wolke des Nichtwissens“, die hier als Dunkelheit verstanden wird, die immer (?) zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf steht. Lassen wir das doch auch einmal so stehen, ziehen wir nicht voreilig das Kaninchen der Inkarnation aus dem Zauberhut oder lasst uns nicht gleich dem (Bibel-)Papiergötzen ein Opfer darbringen (Erstickung durch Staub in der Lunge).

„Mache dich deshalb bereit, in dieser Dunkelheit solange wie möglich zu verweilen und immerfort nach dem, den zu liebst, zu rufen.“

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er verlangt keine hilfe, nur dich selbst

[Notizen zu "Die Wolke des Nichtwissens", Kapitel 1 und 2]

Nach Ansicht des anonymen Autors gibt es vier Stufen und Formen christlichen Lebens:

  • 1. gewöhnlich („Commoun“)
  • 2. speziell („Special“)
  • 3. erwählt („Singuler“)
  • 4. vollkommen („Parfite“)

Gleichzeitig scheint in diesem Kapitel durch, dass die „Wolke des Nichtwissens“ auch einen konkreten Adressaten im Blick hat, der die „Reihenfolge“ der genannten Lebensformen durchläuft: von einem einfachen Christen, der dann in den nicht näher bestimmten „speziellen Stand“ eintritt. Derzeit – einen Schritt weiter – lebt er  zurückgezogen, womit die „erwählt“ genannte Stufe bzw. Form charakterisiert ist.

Meine Frage ist hier, ob dadurch nicht die Andeutung im Prolog, es gäbe auch im aktiven Leben stehende Menschen, die „dann und wann“ Erfahrung der Kontemplation machen, relativiert wird. Denn es wird nun gesagt, dass es die zurückgezogene Lebensform des Adressaten ist, die ihn der letzten „vollkommenen“ Lebensform zuführt.

In dieser eremitischen Lebensform geht es darum, durch den Ruf Gottes zur Sehnsucht bewegt zu werden, der einen dazu auserwählte „einer Seiner engsten Freunde“ zu sein. Es ist die Sehnsucht (nicht die asketische Übung, nicht stundenlanges Meditieren etc.), die einen von der erwählten zur vollkommenen Lebensform führt.

„Diese Sehnsucht muss immer in deinem Willen durch die Hand des allmächtigen Gottes und mit deiner Einwilligung entfacht werden. Aber eines sage ich dir: Er ist ein eifersüchtiger Liebhaber und duldet niemand neben sich, auch will Er nur, wenn Er ganz allein mit dir ist, in deinem Willen wirken. Er verlangt keine Hilfe, nur dich selbst. Er will, dass du nur auf Ihn schaust und Ihn bloss gewähren lässest.“ (Kapitel 2, S. 35)

Man beachte hierbei folgende Punkte:

Erstens: Es geht hier um ein Tun Gottes. Der Mensch kann nichts dazu beisteuern ausser seine Einwilligung zu geben (oder auch nicht). Die Sehnsucht entsteht durch Gott und durch die menschliche Einwilligung.

Zweitens: Mit dem Attribut des eifersüchtigen Liebhabers ist zweierlei angesprochen: Zunächst, dass Gott ausschliesschlich gemeint sein will („Schaue nun vorwärts und lass fahren, was hinter dir liegt.“), und dann, dass die zurückgezogene Lebensform eigentlich erst eine Intimität zwischen dem Schüler und Gott ermöglicht: „nur, wenn Er ganz allein mit dir ist, [will Gott] in deinem Willen wirken“.

Drittens: Es wird ausdrücklich gesagt, dass Gott keine Hilfe verlange. Die eben genannte Einwilligung des Menschen kann aktiv verstanden werden als die Übung, nur Gott anzuschauen und ihn machen zu lassen, oder als Übung das eigene menschliche Eingreifen zu unterlassen.

Zum „eifersüchtigen Liebhaber“: Bei dieser asketischen Grundhaltung im Sinne von Verzicht auf alles, was nicht Gott ist, ist mir nicht klar, was ihr innerer Grund ist. Warum ist Gottsuche – auch in anderen Kulturen – immer mit Askese verknüpft?

Soweit meine Notizen zu den ersten beiden Kapiteln. Ich möchte noch einmal hinweisen, dass ich nicht den Anspruch erhebe, in diesen Notizen die „Wolke des Nichtwissens“ normativ zu interpretieren. Es ist bloss eine Hilfe, um mehr Klarheit zu gewinnen über die Aussagen dieses Textes.

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nächstes treffen

Nächstes Treffen ist am 12. Dezember 2009 (Samstag vor dem 3. Advent) um 17.45 Uhr im Ansverus-Haus, Aumühle [bei Hamburg].

Eine Auflistung der Termine findet man hier.

lektüre der „wolke des nichtwissens“

Wöchentlich gibt es hier Einträge und Notizen zur "Wolke des Nichtwissens" ("The Cloud of Unknowing") - als Ermutigung, das Buch selbst einmal in die Hand zu nehmen und zu lesen.

about

Im Kontext des Alltags eine kontemplative Praxis pflegen - die Mitglieder der Gruppe [urban contemplatives], derzeit aus vier Personen bestehend, möchten sich gegenseitig darin unterstützen, was alleine nur mit grosser Mühe gelingt. Dazu treffen wir uns grob zweimal im Monat im Hamburger Raum zu kontemplativer Praxis (vornehmlich Sitz-Meditation). Die Idee ist, dass die Orte, wo wir uns treffen wechseln. Allerdings dient die Krypta des Ansverus-Hauses (Aumühle) vorerst als Basis.

Die Mitglieder der Gruppe haben ihre kontemplative Praxis aus verschiedenen Traditionen vermittelt bekommen, d.h. wir haben keine einheitliche "Methode".

Kontakt Frank:
frank.schirmer.hamburg[at]web.de
Kontakt Yotin:
beisasse[at]gmail.com

 

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